Ich bin also durch mit meinem zweiten Reiseland und die Gefühle sind gemischter Natur. Sicherlich gibt es hier atemberaubende Landschaften und die Hinterlassenschaften der Prä-Inka-, Inka- , Kolonial- und Neuzeit sind wohl weltweit einmalig. Aber ich denke, dass die Tourismus-Verantwortlichen in Peru sehr clever sind, was die Vermarktung ihres Landes angeht! Ganz ehrlich: hat man eine oder zwei Inka-Ruinen gesehen, hat man alle gesehen. Kirchen sind schön und gut, aber nach der zweihundertfünfzigsten gibt mir das auch nichts mehr. Der Titicacasee ist nicht schöner als unser Bodensee, nur viel größer und höher gelegen und die Uros, die die Schilfinseln bewohnen, sind zu einem Touri-Gag verkommen.
Auf der anderen Seite hat man das harte Klima mit Temperaturen bis -30 °C im Altiplano oder 6 Monaten Dauernebel an der Küste um Lima. Die Straßengräben voller Müll, genauso wie die Städte, die mit ihren bestenfalls halb-verputzten Häusern wie riesige Armenviertel aussehen, der Verkehr in jeder größeren Ortschaft eine einzige hupende Katastrophe. In Juliaca z.B. leiden laut der Tageszeitung 30 % der Bürger an Depressionen. Sie ist eine der abgefucktesten Städte, die ich je gesehen habe, ich würde mich da auch nach spätestens 2 Wochen vom Leben verabschieden wollen. Die Menschen sind die ungepflegtesten, die ich je irgendwo gesehen habe (Bolivien soll noch schlimmer sein!), sie scheinen anspruchslos zu sein und leider auch ohne ein Gefühl für Ästhetik. Sie sind zwar im Allgemeinen nett und hilfsbereit aber irgendwie unnahbar und seltsam – vielleicht sehen das Indio-Romantiker anders, aber so lange es Länder wie Kuba und Brasilien gibt, wird sich meine Sehnsucht nach Peru in Grenzen halten.
Vielleicht hat das Land es ja geahnt, dass ich es so scharf kritisieren werde, denn der letzte Tag war der schlimmste meiner bisherigen Reise: geschwitzt, gefroren, trotz mickriger 70 km ein kräftezährendes Auf und Ab, wo es geradeaus ging gab es heftigen Gegenwind, die letzten 15 km eine einzige Geröllpiste und kurz vor der Grenze hat mich ein bekloppter Hund in die Wade gebissen und meine teure und heißgeliebte Fjäll-Räven-Hose ruiniert. Danke, Peru!