In La Paz bin ich bei der quirligen Couchsurferin Stella untergekommen, die aus Spanien stammt und hier Anthropologie studiert. Ich bin mit ihr und ihren Freunden oft ausgegangen und wir haben gut gefeiert und gut getrunken. Sie hat den glitzegleichen Musikgeschmack wie ich (was schon mal sehr selten vorkommt) und ich würde jedes Musik-Quiz gegen dieses Mädchen verlieren, was sie alles weiß, hat mich aus den Socken gehauen! La Paz ist wieder eine angenehme Überraschung, in der Innenstadt zwar bolivianisch-chaotisch, aber kein Vergleich zu Lima. Eine sympathische, bezaubernd gelegene Stadt mit alten Kolonialgebäuden, die im Kontrast zu den zig-geschoessigen Glashochbauten stehen.
Ich habe beschlossen, die berühmte Death Road, die gefährlichste Straße der Welt, per organisierter Tour und geliehenem Rad in Angriff zu nehmen und das war die beste Entscheidung, die ich treffen konnte, denn die Straße ist wirklich eine üble Stein- und Schotterpiste und ich hätte mein Bike dabei ziemlich gequält wenn nicht sogar ramponiert. Es ging erst einmal in einem Kleinbus mit dem Guide und meinen beiden Mitradlerinnen Jessica aus Südafrika und Sophie aus Hamburg 20 km aus La Paz hinaus, hoch auf den auf 4.725 m gelegenen Pass El Cumbre, und damit den höchsten Ort, an dem ich in meinem Leben war! Die Räder wurden vom Dach des Minibusses gehievt, während wir die malerische Kulisse bewundern durften und uns in die geliehene Bikerkleidung samt Helmen, Knie- sowie Ellenbogenprotektoren zwängen mussten. Ich habe mich in der Ausrüstung wie ein Astronaut gefühlt und die Bewegungsfreiheit war deutlich eingeschränkt. Ab sofort sollte es nur bergab gehen, eine für mich neue Erfahrung, über zig Kilometer so gut wie nicht pedalieren zu müssen. Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit auf dem vollgefederten und mit Scheibenbremsen ausgestatten Bike ging es zügig abwärts, vorbei an umgekippten LKW, Drogen-Kontrollposten und einer Wahnsinns-Landschaft. Nach einer knappen Stunde wechselte der Belag von Asphalt auf Kies und hier begann die Death Road, die berühmt-berüchtigte gefährlichste Straße der Welt. Der Grund für diesen fragwürdigen Titel ist die miese Qualität der Piste, direkt an einem Abgrund gelegen, der hunderte Meter in die Tiefe stürzt. Es soll Verunglückte geben, die nie geborgen wurden, weil das Gelände so unzugänglich ist!
Ich habe die Sache anfangs locker angehen lassen, weil das hier nix zum Kuscheln ist und ich musste mich auch erst einmal an die Möglichkeiten meines neuen Untersatzes gewöhnen, die – zumindest im Gelände – in einer ganz anderen Liga spielen, als mein geliebtes aber technisch auf Asphalt ausgelegtes Reiserad. Mit der Zeit habe ich das Tempo gesteigert und das Rad nicht mehr geschont – es ist übrigens jedem überlassen, zu fahren wie er möchte, hin und wieder hat uns unser Guide Christian eingeholt um Bilder zu schießen, bzw. man sollte alle 10 Minuten anhalten und auf die anderen warten.
Es ging über Stein und Schotter, hin und wieder regnete es über kleine Wasserfälle auf unsere Helme, die Landschaft irre – das Tempo auch. An manchen Stellen sind locker 40 km/h drin, das ist auf Asphalt mäßig, auf der schlängeligen Schotterpiste Irrsinn. Es hat unglaublichen Spaß gemacht und es war viel zu schnell vorbei. Dieser Trip, den übrigens unzählige Agenturen in La Paz anbieten, war vielleicht DAS Highlight meiner bisherigen Reise und ich ziehe meinen nichtvorhandenen Hut vor den beiden Mädels, die mitgeradelt sind. Vor allem Sophie hat ein unglaubliches Tempo hingelegt und ich musste mich wirklich ranhalten, mich nicht zu blamieren 😉 … Gott sei Dank ist keiner von uns gestürzt, leider sind Unfälle gerade bei Regen ziemlich häufig… Ich werde mich noch lange an dieses Abenteuer erinnern und ich bin auf die Bilder gespannt, die unser Guide geschossen hat. Es soll auch noch ein T-Shirt dazu geben, und das alles für knappe 50 Euro. Leute, wenn ihr in der Nähe seid, macht diesen Trip, er wird unvergesslich in Erinnerung bleiben! Übrigens gab es am Zielort in Santa Barbara Swimming Pool und Mittagessen! Richtig gehört: da wir bei der Abfahrt unfassbare 3.000 Höhenmeter vernichtet haben, waren wir in einer blühenden warmen Sommerlandschaft, den Yungas, angekommen. Endlich wieder Wärme, endlich wieder Flip-Flops, meine Fresse, habe ich das in den letzten fünf Wochen vermisst!! In Coroico habe ich ein nettes Hostal – ebenfalls mit Swimming Pool ausgestattet – gefunden, hier gibt es nicht viel zu tun, aber die nahegelegenen Wasserfälle habe ich besucht.
Um euch nicht zu neidisch zu machen möchte ich hinzufügen, dass es nach 3 Nächten in Coroico wieder ins kühle, auf rund 4.000 m gelegene La Paz zurückgeht und ich von dort als Nächstes den Salar de Uyuni, den größten Salzsee der Welt in Angriff nehmen werde. Dort soll es in der Nacht tiefe Minusgrade geben und es wird wohl noch 3 Wochen dauern, bis ich den Sommer meines Lebens im Tiefland Argentiniens fortsetzen kann. Aber davor wird noch der Geburtstag von Couchsurferin Stella gefeiert und vielleicht bleibe ich noch für ein paar Tage im netten La Paz.